„Irgendwann kommt schon die Zeit, in der man kapiert…“

Kleist

In einem Schreiben an die Damen und Herren des Heilbronner Gemeinderats wehrt sich der aus dem Amt scheidende Leiter des Heilbronner KLEIST-ARCHIV SEMBDNER gegen die veröffentlichte Darstellung seines Wirkens

Günter Emig schreibt dazu an die Heilbronner Stadträte:  „Am 23. August habe ich den Schlüssel für das Kleist-Archiv Sembdner an Frau Schüttler vom Schul-, Kultur- und Sportamt übergeben, am Freitag davor hat mich Frau Christner telefonisch verabschiedet – ich bin also nach 38 Jahren als Mitarbeiter der Stadtverwaltung und nach 27 Jahre als Verantwortlicher für das Kleist-Archiv Sembdner unter Einrechnung meines Jahresurlaubs de facto im Ruhestand – offiziell ab 1. Oktober.
In der „Heilbronner Stimme“ werden Sie von kritischen Bemerkungen meinerseits zur Zukunft des Kleist-Archivs Sembdner gelesen haben, ohne daß daraus hervorging, was Sache ist.
OB Mergel hat die Angelegenheit gewissermaßen zu meiner persönlichen Tragödie erklärt (Heilbronner Stimme, 8.8.2018, „Eine gewisse Tragik“) .

Leider ist in der Öffentlichkeit nicht deutlich geworden, worum es geht.
Deshalb ein paar kurze Informationen: Das Kleist-Archiv Sembdner ist eine wissenschaftliche Spezialsammlung auf der grünen Wiese ohne die dafür erforderliche Infrastruktur, die ich aus kleinen Anfängen und unter unsäglichen Mühen aufgebaut habe, so wie es im Vertrag mit Prof.
Sembdner und im Aufgabengliederungsplan der Stadt festgeschrieben ist.
Allein das, die „Pflege“ der Sammlung, verlangt angesichts ihrer jetzigen Größe eine ganze Personalstelle.

Leider ist diese Sammlung aber bisher so gut wie nicht genutzt worden und sie wird nach menschlichem Ermessen auch nie genutzt werden.
Wenn sie aber nicht fortgesetzt wird, verliert sie den Anschluß an die Gegenwart und entwertet sich so Jahr für Jahr.
Deshalb habe ich seit Jahren – erstmals 2012 – verwaltungsintern vorgeschlagen, die Sammlung als Dauerleihgabe ins Kleist-Museum nach Frankfurt (Oder) zu geben, wo sich etwa seit 2010 das nationale Kleist-Zentrum mit Unterstützung von EU, Bundesregierung, Brandenburgischer Landesregierung und Stadt Frankfurt etabliert hat.
Stattdessen, so mein Vorschlag, möge man hier in Heilbronn die dadurch freiwerdenden 1 ½ Planstellen für ein Literaturhaus verwenden – wobei für mich Literaturhaus eine Funktion, nicht unbedingt ein Gebäude sein muß.

Wenn ich den Bericht der „Heilbronner Stimme“ vom 27.7. („Kleist stärker an die Stadt anbinden“) richtig interpretiere (denn darüber gesprochen hat man mit mir nicht), dann will man das offenbar jetzt auch von Verwaltungsseite, nur möchte man über die Zukunft der Sammlung nicht reden, weil man befürchtet, daß Sie als Gemeinderat bei einer Weggabe die 1 ½ Planstellen ersatzlos streichen würden.
Meine persönlichen Erfahrungen mit Gemeinderat und Verwaltung waren immer so, daß man mit guten Argumenten auch entsprechende Zustimmung gefunden hat, wenn man mit Vernunft und Augenmaß argumentiert hat.
Für mich war der Gemeinderat nie eine Verhinderungsinstanz.
Natürlich bergen Richtungsentscheidungen immer Gefahren in sich.
Das gibt aber nicht das Recht, sich um Diskussionen herumzudrücken.
Einige weitergehende Informationen hänge ich an diese Mail, damit Sie sich selbst ein Urteil bilden können.
Vielleicht noch ein Wort zu meinen vielen Buchherausgaben (167 Titel in 19 Veröffentlichungsreihen), die so abfällig dargestellt worden sind.
Sie und nur sie begründen den überregionalen guten Ruf des Kleist-Archivs Sembdner.
Und Buchherausgaben habe nicht nur ich auf den Weg gebracht.
Denken Sie nur mal an das Stadtarchiv.
Natürlich sollten zur Arbeit mit der Sammlung flankierend auch Veranstaltungen vor Ort dazu kommen.
Die gab es auch lange Jahre.
Dafür braucht man aber auch entsprechendes Personal.
Im Kleist-Museum in Frankfurt gibt es insgesamt zehn Stellen, in Heilbronn war ich allein.

Glücklicherweise haben sich meist barmherzige Besucher gefunden, die mir spontan geholfen haben.
So kann man aber auf Dauer keine Veranstaltungen durchführen.
Im Oktober 2001 habe ich im Hagenbucher einen Monat lang Programm gemacht.
Täglich.
Mit einer Sieben-Tage-Woche und einer mitgebrachten Liege, weil manche Veranstaltung bis Mitternacht ging und ich am nächsten Morgen wieder um 8 Uhr „auf der Matte“ sein mußte.
Die Open-Air-Leseveranstaltungen auf dem Alten Friedhof und auf der Inselspitze mußte ich Mitte der 2000er Jahre aufgeben, weil mir zwar dafür Stühle zur Verfügung gestellt worden wären, ich hätte sie aber mit einem bereitstehende LKW eigenhändig dorthin fahren und be- und entladen müssen.
Ab 2005 konnte ich den kleinen Veranstaltungsraum im K3 aus feuerpolizeilichen Gründen nicht mehr benutzen, eine realistische Alternative gab es nicht.

Im Januar 2011 ist mir das leere Fleischhaus für sechs Wochen überlassen worden.
Die dortigen vier Ausstellungen habe ich teilweise im Urlaub – an Silvester – aufgebaut, meine Partnerin hat mir dabei geholfen, weil Ausstellungsplatten miteinander verschraubt werden mußten und ich leider keine vier Arme habe.
Insgesamt hatte ich 90 Veranstaltungstermine im Programm.
Nachdem ich auch die versprochene Aufsicht nicht bekommen hatte, habe ich die Aufsicht sieben Tage in der Woche von 10 bis 17 Uhr durchgehend sechs Wochen lang selbst übernommen.
Gesamtkosten (aus laufenden Etatmitteln): ca. 11.500 Euro.
Zum Vergleich: die Gemeinschaftsausstellung von Kleist-Museum und Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft in Berlin hatte 850.000 Euro (richtig gelesen!) zur Verfügung.

Ein bißchen Selbstausbeutung mag ja nett sein und gehört zu den Verrücktheiten von Kulturenthusiasten, aber irgendwann sind Grenzen erreicht, wo man als Einzelkämpfer passen muß.
Irgendwann geht es gesundheitlich an die Substanz.
Dann kann man einfach nicht mehr! Die Zukunft für das Kleist-Archiv Sembdner, die ich im Augenblick sehe, lautet: Entweder setzt man das alles um, was dem Gemeinderat versprochen worden ist.
Dann geht das nicht mit der bisherigen Personalbesetzung.
Dann muß man zwingend stellenmäßig aufstocken.
Oder man gibt die Sammlung als Dauerleihgabe weg und hat so die Kapazitäten, die man für die Richtungsänderung braucht.
Was nicht geht, ist, die Sammlung klammheimlich vor die Hunde gehen zu lassen, nur weil man sich nicht traut, Klartext zu reden.

OB Mergel habe ich einen Vorschlag unterbreitet, den ich diesem Brief anhänge.
Und auch das sollte man wissen: Die Sammlung ist eine tickende Zeitbombe.
Man wird sie nicht einfach links liegen lassen können und denken, daß irgendwann einmal Gras darüber wächst.
Bereits jetzt haben Stuttgarter Zeitung, Süddeutsche Zeitung und FAZ berichtet.
Auch noch nach Jahren muß man damit rechnen, daß in den Medien danach kritisch gefragt wird und Heilbronn dadurch in die Negativschlagzeilen gerät.

Warum ich mir denn eine ehrenvolle Verabschiedung durch meine öffentliche Intervention „versaut“ hätte, bin ich wiederholt gefragt worden.
Dazu kann ich nur sagen: „Wer nicht handelt, wie er denkt, denkt unvollständig.“ (Manfred Ach) Es gibt im Leben manchmal wichtigere Dinge als „Ruhm und Ehr“.
Dazu braucht es freilich Zivilcourage und muß bereit sein, die Konsequenzen auf sich zu nehmen.
Ob das andere begreifen oder nicht, spielt dabei keine Rolle.
Irgendwann kommt schon die Zeit, in der man kapiert…“

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