Heilbronner Polizistenmord: Wer schaltete die Ruf-Weiterleitung ab?

Vertuscht Sonderkommission zweites private Handy der ermordeten Polizistin Kiesewetter?

Wer das fragt, ist Georg Lehle, „Friedensblick“-Blogger:

Dieses Jahr fragte ich, ob die Polizei das private Handy der ermordeten Polizistin Michele Kiesewetter (MK) überwachte? Ich stellte die Indizienkette dafür vor. Inzwischen ist mir der Sachverhalt etwas klarer geworden. Meine Lösung würde die verschiedenen Ungereimtheiten erklären, aber entscheidende Fragen bleiben offen, aufgrund fehlender Ermittlungen.

Laut der Soko benutzte MK am Tattag ihr privates Nokia-Handy, darin eine SIM-Karte von tmobile, mit der Nummer 0160 94760048.

Dieser Darstellung der Soko widerspreche ich: Kiesewetter war am Tattag mit einem anderen Handy mit obiger tmobile-Nummer unterwegs. Ihr Nokia-Handy (mit ihrer O2-Nummer) befand sich an einem unbekannten Ort. Von O2 war eine Rufumleitung zu tmobile geschaltet, genauso eine SMS-Weiterleitung. Wenn sie also jemand auf ihrer O2-Nummer anrief, wurde der Ruf zur t-mobile-Nummer umgeleitet, bis 14:00 Uhr.

Warum wurde kurz nach dem Mord die Rum-Umleitung abgeschaltet?

Um 14:35 rief sie ihr Freund Dominik W. an. Der Anruf steht im Handy-Speicher als „entgangener Anruf“, taucht jedoch nicht im Verbindungsnachweis tmobile auf. Vor dem Überfall um 14:00 wurden die Rufe noch weitergeleitet, sie tauchen sowohl im Gerätespeicher, wie auch im Verbindungsnachweis auf.

Wer schaltete die Ruf-Weiterleitung ab und warum?

Das Beenden der Ruf-Weiterleitung ab 14:00 erklärt eindeutig die entstandenen Unterschiede zwischen den Daten des Handyspeichers einerseits und des Verbindungsnachweises von tmobile andererseits.

Eine Person von Interesse ist die Kollegin „s.“, die beide Nummer gekannt haben musste: An unterschiedlichen Zeiten steht ihre Nummer sowohl im Gerätespeicher (15:06 und 15:29), wie auch im Verbindungsnachweis (15:10:43 und 15:10:49).

Beispielhaft der Anruf von Einheitsführer Thomas B.

Kiesewetters Chef war Thomas B.. Nach dem Überfall eilte er zum Tatort und rief um 15:34 Kiesewetter an. Seine Nummer ist als „entgangener Anruf“ im Gerätespeicher ihres Nokia-Handys verzeichnet. Der Anruf taucht jedoch nicht im Verbindungsnachweis von tmobile auf. Das heißt zwingend, dass er ihre O2-Nummer anrief und, dass das Nokia-Handy nicht mit tmobile lief, sondern mit O2.

Des Weiteren kann anhand der Funkzellen-Daten darauf geschlossen werden, dass MK am Tattag tmobile nutzte. Ihr Bewegungsprofil entspricht den Funkzellen-Standorten. Darüberhinaus loggte sich ihr tmobile Handy um 15:26 in der Funkzelle Theresienwiese ein, als sie eine SMS erhielt.

Diese Punkte zusammengenommen sprechen eindeutig dafür, dass MK am Tattag nicht ihr Nokia-Handy benutzte, sondern ein anderes. Dieses andere Handy lief mit tmobile und ist bis heute verschwunden. Es spielt keine Rolle in den weiteren Ermittlungen. Es scheint, dass es vom Erdboden verschwunden ist, obwohl es um 15:26 eine SMS erhielt und sich dafür in die Funkzelle Theresienwiese einloggte.

Höchstwahrscheinlich diente der Anruf von Thomas B. der Lokalisierung des Nokia-Handys, welches im Kollegenkreis bekannt war. Tatsächlich galt ihr privates Handy am Tattag als gestohlen.

Damit ist der Tatortbefund der Sonderkommission widerlegt. Dort steht, dass Kiesewetter mit dem Nokia-Handy am Tattag unterwegs war und dieses Handy neben ihrer Hand am Tatort gefunden wurde.

Im unscharfen (!) Tatort-Foto links ist das Handyfabrikat nicht klar erkennbar. Es ist jedoch dem Anschein nach ausgeschlossen, dass es sich um ein Nokia-Handy 6111 handelt, aus folgenden Gründen, siehe Artikel „Ließ Sonderkommission Handy Kiesewetters verschwinden?“.

Soko soll Ungereimtheit unbekannt gewesen sein?

Bundestags- und Landtagsabgeordnete der NSU-Untersuchungsausschüsse befragten Ermittler der Soko „Parkplatz“, die mit der Handy-Auswertung jahrelang beruflich befasst waren. Welche Erklärungen fanden die Ermittler, dazu zählen etwa Sabine Rieger oder Wolfgang Fink von Landeskriminalamt (LKA) Stuttgart? Sie konnten keine Antworten geben, da ihnen offenbar diese Ungereimtheiten gar nicht aufgefallen waren.

Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages befragte den Polizisten Wolfgang Fink vom LKA Stuttgart zum Sachverhalt. Er antwortete zum Vorhalt, dass Einheitschef Thomas B. Kiesewetter anrief, obwohl sie tot neben ihm lag:

„Vorsitzender Clemens Binninger: Jetzt mal die fast banale Frage: Wenn das Opfer da liegt, die getötete Kollegin, das Handy liegt nebendran, für jeden zu sehen – der Zugführer war ja vor Ort, soweit wir wissen, zumindest eine gewisse Zeit -: Was gab es für eine Motivation, da das Handy anzurufen?

Zeuge Wolfgang Fink: Er hat ja die Rufnummer angerufen. Vielleicht wollte er wissen, welches Handy dort liegt. Ich weiß es nicht. Also, das wäre für mich eine Erklärung, dass er sagt: Na ja.‚

Vorsitzender Clemens Binninger: Da liegt ein Handy.

Zeuge Wolfgang Fink: – da liegt ein Handy. Ich weiß nicht. Gehört das der Michele, oder gehört es irgendjemandem? Vielleicht hat es der Täter verloren? – Ich weiß es nicht; nur so ins Blaue gesprochen. Und deshalb dann die Frage: Na, jetzt rufe ich sie mal, und dann gucke ich mal. Ach, das gehört der Michele. – Wäre für mich jetzt so spontan eine Erklärung vielleicht.“ (Bundestag, NSU-Untersuchungsausschuss, 20. Oktober 2016, 35. Sitzung, Wortprotokoll, S. 78)

„Zeuge Wolfgang Fink: Die Auswertung der Mobiltelefone der Opfer wurde von der Frau Rieger durchgeführt, unter anderem also auch, aber am Anfang natürlich auch von den Kollegen aus Heilbronn – – wurden aber beide, sage ich jetzt mal, beide Handys, Privathandys ausgewertet. Auch das dienstliche Handy wurde ausgewertet. Und da gab es wohl, also außer dieser 0000-Nummer, keine Auffälligkeiten. Waren hauptsächlich natürlich private Kontakte im Telefonspeicher, sehr viele Angehörige der Polizei, sehr viele Freunde, Bekannte; sonst keine Auffälligkeiten.“ (ebd, S. 90)

Die Polizistin Sabine Rieger vom LKA Stuttgart bemerkte gleichfalls nichts auffälliges, sagte sie dem Baden-Württemberger Untersuchungsausschuss.

„Abg. Petra Häffner GRÜNE: Frau R., Sie haben von der Mutter von M. K. die Unterlagen, u. a. Handyrechnungen mit Einzelnachweis, bekommen. Konnten Sie aufgrund von diesen Rechnungen, die Sie da bekommen haben, die ganzen Telefonverbindungen, die in den Tagen vorher waren, rekonstruieren, und konnten Sie da eine Häufung an Gesprächen mit einzelnen Personen feststellen?

Z. S. R.: Also, es ist uns gelungen, die von M. benutzten Handys von, ich glaube, Juni 2005 – zumindest zu der Zeit, wo sie bei der BFE war; den Zeitraum hat man abgedeckt, also ab 9., 2005 – bis zum Tattag erheben zu können, auswerten zu können. Das sind jetzt praktisch 2005, 2006, 2007. Das sind drei Jahre.

Ganz genau kriege ich das auf jeden Fall nicht zusammen, was da Inhalt war. Aber es war schon so, dass sich das gedeckt hat mit dem, was die Eltern, die Angehörigen oder auch das berufliche Umfeld gesagt haben, dass die M. hauptsächlich zu Kollegen Kontakt hatte aus ihrer Einheit aus Böblingen. Also, auffällig im Jahr 2007 war jetzt da nichts. (…)

Auffällig war, im Nachhinein betrachtet, zumindest in Richtung jetzt Täterschaft gar nichts. Also, wir hatten da gar nichts, was irgendwie auffällig war.“ Baden-Württemberger Untersuchungsausschuss „Rechtsterrorismus/NSU BW“, 31. Sitzung, 26. Oktober 2015, S. 155

Diese Darstellung ist unglaubwürdig, da der Sonderkommission Rechnungen des privaten O2-Handys vorlagen. Ausgerechnet Sabine Rieger befragte am 16.12.2010 die damalige WG-Partnerin und Kollegin Yvonne M. und erwähnte explizit das „O2“-Handy Kiesewetters:

„Frage:
Uns liegen die Einzelgesprächsnachweise eures gemeinsamen Festapparates und des Handys von Michele vor (02-Handyvertrag mit homezone Festnetznummer). Allerdings fehlen hier Unterlagen für den April 2007. Möglicherweiese sind diese nach der Tat mit der Post gekommen. Hast du diese noch? Kam sonst irgendwelche Post für Michele nach der Tat bzw. nach der Besichtigung? Wem hast du diese Post gegeben?“ (LKA Stuttgart, Ordner 11, S. 140)

Laut der Soko wäre ja im privaten Handys Kiesewetters, welches am Tatort neben ihrer Hand gefunden wurde, eine t-mobile SIM-Karte gewesen. Das heißt, dass es der Soko bekannt gewesen sein musste, dass Kiesewetter zwei private Handys zur Tatzeit hatte: Eines hatte eine t-mobile Nummer, das andere hatte eine O2-Nummer.

Warum spielte das zweite O2-Handy keinerlei Rolle in den Ermittlungen?

Während der Befragung einer anderen Polizistin erwähnte der Ausschuss-Vorsitzende Wolfgang Drexler sogar, dass „Kriminalhauptkommissar T. anlässlich eines Besuchs in Oberweißbach noch weitere Unterlagen, nämlich Einzelverbindungsnachweise, Verträge und Rechnungen, sichergestellt“ hätte.

„Das war am 25.01.2011, da war er dort. Dies betraf die T-Mobile-Rufnummern 0160 94760048, 0160 94743760 und 0170 4769424 sowie die O2-Rufnummer 0176 23438804. (Heiterkeit der Zeugin)“ (Landtag Baden-Württemberg, Wortprotokoll, S. 60)

Warum reagierte die befragte Polizistin bei Erwähnung von Kiesewetters O2-Nummer mit „Heiterkeit“? Auch sie konnte oder wollte nichts dazu beitragen, den Sachverhalt aufzuklären.

„Vorsitzender Wolfgang Drexler: Jetzt überschneiden sich ja die Nutzungszeiträume teilweise von den verschiedenen Handys. Gibt es dafür Erklärungen?

Z. N. K.: Wie meinen Sie das?

Vorsitzender Wolfgang Drexler: Es gibt verschiedene Nutzungszeiträume dieser Handys, und teilweise überschneiden sie sich.

Z. N. K.: Ja, aber ich kann Ihnen nicht beantworten, weshalb die Frau K. mehrere Telefone gleichzeitig hatte.“ (ebd)

„Abg. Matthias Pröfrock CDU: Vielen Dank. – Frau K., im Tatzeitraum bzw. in den fünf bis sechs Monaten zuvor, wie viele Handys hat Frau K. da benutzt?

Z. N. K.: Vor der Tat? Also, sie hatte auf jeden Fall das Telefon von Tattag, das am Tatort aufgefunden wurde. Dann gab es eben noch die von Herrn M. benannte Telefonnummer, und es gab SIM-Karten, wo sie mehrere Monate – – oder die schon länger – – also, wo der Grundbetrag noch bezahlt wurde, aber wo offensichtlich keine Aktivität mehr stattgefunden hat.

Also, bekannt ist definitiv eines, dieses vom Tattag. Und das andere – – Da kann ich Ihnen jetzt gar nicht hundertprozentig genau sagen, wenn ich die Tabelle nicht vor Augen habe, ob sie das zweite da noch benutzt hat oder nicht.

Abg. Matthias Pröfrock CDU: Also, nach meinen Daten war es so, dass sie dieses Handy Marke Nokia 6111 mit der 0160-Rufnummer zwischen dem 13.11.2006 und dem 25.04.2007 benutzt hat. Das Handy, das sie im Zeitraum zuvor hatte: nichts, was im Jahr 2007 gewesen wäre. Insofern ist auch die Frage – – Jetzt können wir uns natürlich auch noch über jede Woche unterhalten, wann man was ausgewertet hat. Die Frage ist:

Ist aus diesen Kontakten, die Sie dann ausgelesen haben, irgendeine ermittlungsrelevante Spur herausgekommen, der Sie nachgehen konnten? Gab es da auffällige, besondere, verdächtige Handykontakte?

Z. N. K.: Meines Wissens nicht. Es gab einen „Ermittlungsansatz“ – in Anführungsstrichen –, da ging es um eine Beerdigung, von der sie geschrieben hat, und da wurde versucht, das nachzuvollziehen. Der Gesprächspartner wurde dann auch vernommen, aber da kam nichts dabei heraus. Also, es konnte keine Beerdigung irgendwie festgestellt werden. Und sonst wäre mir nicht bekannt, dass es da noch weitere Ermittlungsansätze gibt.“ (ebd)

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